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+++ Eva & Peter Mischur +++ Ballonfahrt über die Kyffhäuserregion +++

Ein Logenplatz am Himmel

Kyffhäuserregion aus 300 m Höhe entdeckt

Von Peter Mischur

Es gibt ein Fieber dagegen ist kein Kraut gewachsen. Es gibt kein Thermometer, dass die erhöhte Temperatur anzeigt. Es ist das Ballonfieber. Ausgebrochen ist es am Vorabend des Ballonstarts. Der Aufstiegsort liegt iIn einer der schönsten Landschaften Mitteldeutschlands - dem Kyffhäuser. Mit in der Gondel des himmlischen Vergnügens, der Reporter der Tageszeitung.

Doch vor der Fahrt steht Arbeit an. Die Passagiere dürfen sich aktiv beim Aufbau des Fluggerätes beteiligen. Da muss der zentnerschwere Weidenkorb für die acht Fahrgäste und den Piloten vom Spezialanhänger gewuchtet werden, es gilt die schlauchartig zusammengelegte Nylonhülle aus einem überdimensionalen Rucksack auf dem noch taufeuchten Rasen des Flugplatzes Udersleben auszubreiten.
 

Startvorbereitung.

Startklar.

Schattenspiel.

Ein tosendes Gebläse drückt Luft in die noch schlaffe Hülle und füllt sie. Im Schneckentempo entfaltet sie sich zu ihrer wahren Größe. Langsam wird der Ballon immer dicker und dicker. Unser Pilot, Klaus Wielath, von der Hohenzollerischen Ballonfahrer GmbH zündet zwischenzeitlich den Propangasbrenner. Die heiße Luft füllt die rot-grün-weiße Stoffblase mit der Aufschrift "ratiopharm" endgültig. "Der Ballon ist 30 Meter hoch", deutet der Pilot mit einer Armbewegung nach oben. Den Durchmesser beziffert er mit 18 Metern. Insgesamt befinden sich 6.000 Kubikmeter Luft in der farbigen Nylonhülle.

Jetzt wird es spannend. Pilot Klaus fordert uns zum Einsteigen in den gepolsterten Weidenkorb auf. Der Puls beginnt vor Aufregung zu rasen. Ganz klar, dieses Kribbeln im Bauch war da, aber Angst - nein - die hatte ich nicht. Und ehe wir uns so richtig besinnen können, hebt der Ballon butterzart ab. Jetzt entschweben wir auf den Spuren der Gebrüder Montgolfiere dem Alltag und erleben die Heimat von oben.

Wir entdecken die einmalige Kyffhäuserregion von einem Logenplatz am Himmel. Wir lassen uns einfach überraschen und schauen, wo der Wind uns hintreibt. Direkt zwischen Kyffhäuser, Diamantener Aue und Unstruttal erleben und genießen wir aus der Gondel das, was die Ballonfahrt zu einem einmaligen Erlebnis macht -  eine wunderschöne und reizvolle Landschaft.

Für Klaus ist es die 682. Fahrt. Damit gehört er zu den erfahrensten Luftschiffern in dieser Kategorie. Seit 1986 besitzt er seinen Pilotenschein. Er startete bereits in Kanada, in Südafrika sowie in Süd-Ost-Asien. Als wir abheben, blinzeln die ersten rötlichen Sonnenstrahlen neugierig über den Horizont. Schnell gewinnen wir an Höhe. Ein laues Lüftchen treibt uns in Richtung Bretleben. Mit etwa 15 Kilometer pro Stunde, also im Tempo eines Alltagsradlers schweben wir in etwa 300 Meter Höhe  über der Heimat. Erneut läßt der Pilot den Gasbrenner aufbrüllen, schickt damit heiße Luft in die Ballonhülle. Als eine Art Echo schallt Hundegebell vom Boden zurück.

Der Blick schweift jetzt über die Baggerseen bei Esperstedt, geht durch die Thüringer Pforte weit hinein in den Freistaat. Trotz des leichten Morgendunstes ist das markante Hochsilo von Weißensee zu sehen. Davor wirken die beiden Sachsenburgen wie versteinerte Wächter an dieser Bastion oberhalb der Unstrut. Die malerische Landschaft ist überall reizvoll, wir kommen aus dem staunen  nicht mehr raus.

Der Pilot will die Reise durch den Äther als Fahrt und nicht als Flug verstanden wissen. Mit einem Ballon fährt man, und zwar durch das Himmelsmeer. Ballonfahrer sind Frühaufsteher. Gerade in den ersten Stunden nach Sonnenaufgang sind die Witterungsbedingungen für eine Ballonfahrt am günstigsten.

Klitzeklein erscheinen die Häuser in den Dörfern unter uns. Parallel zu einer Straße liegen die Gleise der Eisenbahn und der Flusslauf der Unstrut zirkelt gewaltige Radien in die wunderschöne Region. Spontan denke ich bei diesem Anblick an Legoland, auch mit dem Klagenfurter Minimundus lässt sich die Spielzeugeisenbahnplatte unter uns vergleichen. Gelbe Stoppelfelder wechseln sich ab mit Kartoffelanbauflächen. Reifender Mais und die Kohlfelder, die hinter Esperstedt in Reih und Glied angelegt sind, unterbrechen die bunte Reihenfolge. Und wieder faucht der propangasbetriebene Brenner. Dann herrscht Stille. Sie wird jetzt von einem Schlepper unterbrochen, der mit seiner angekoppelten Ackertechnik die Herbstfurche auf dem Feld bei Bretleben umbricht.

Die eigentliche Überraschung am Ballonfahren ist für mich das lautlose Schweben. Die Stille wird nur durch das wiederholte Zünden des Brenners unterbrochen. Und jedes mal, wenn wir in der Nähe einer Ortschaft sind, beginnen nach dem Rauschen des Brenners die Hunde am Boden an zu Jaulen.

Ich denk an Reinhard Mey und seinen Song "Über den Wolken", obwohl an diesem Augustsonntag fast kein Wölkchen am Firmament zu sehen ist, geht mir das Lied nicht mehr aus dem Sinn. Hier oben, wo die Dörfer auf die Größe einer Schuhschachtel schrumpfen, und sich die Felder der Unstrutniederung zu bunt gewürfelten Patchworkdecken vereinen, ist die Freiheit schier grenzenlos.

Trotz dieser frühen Morgenstunde winken uns einige "Erdbewohner" zu. Teilweise sind sie mit Ferngläsern bewaffnet und verfolgen aufmerksam, wie wir  lautlos über ihren Heimatort schweben. "Die Luft im Ballon muss ständig nachgeheizt werden, um die Höhe zu halten", erklärt der Pilot sein Handeln, indem er erneut den Hebel  für die Gaszufuhr öffnet. Voll konzentriert beobachtet Klaus die verschiedenen Instrumente. Schaut auf die ausgebreitete Landkarte und korrigiert die Flughöhe mit dem Zünden der Gasflamme. Sie schießt fast sechs Meter hoch in die bunte Hülle und erhitzt die Luft. Die horizontale Bewegung bestimmt allein der Wind. Das heißt Landeort, Fahrtrichtung und Distanz sind dem Pilot vorher nicht bekannt. Vielleicht liegt auch darin der Reiz einer Ballonfahrt.

Jetzt sind wir 45 Minuten in der Luft. Unser "Standort" ist direkt über Reinsdorf. Bis hierher haben wir etwa 30 Kilo Propangas verbraucht. Wir überfliegen weitere Orte, nun schon im Unstruttal. Wiesen, Waldstreifen, Äcker, Bäche, Straßen und Dörfer huschen lautlos unter uns hinweg. Über Funk ruft der Pilot die Begleitfahrzeuge am Boden und dirigiert sie über Gehofen in Richtung Roßleben.

Nach gut 1 Stunde 30 Minuten setzten wir zwischen Roßleben und Bottendorf zur Landung an. Klaus, unser erfahrener Pilot gibt vorher kurze Verhaltensinformationen. Und schon beginnt der Sinkflug. Der Schatten unseres Luftgefährts wird immer größer. Jetzt streifen wir einen Mirabellenbaum, durch den Schubs mit der Weidengondel sausen die gelben Früchte zur Erde. Bei der Landung hüpft der Korb zweimal wie ein Gummiball auf dem gepflügten Acker. Dann bleibt er stehen. "Glück ab und gut Land", so lautet der Ballonfahrergruß. Wussten Sie es?
 
 

Feierlich - Nach der Ballonfahrt erfolgt die  traditionelle Taufe mit Feuer und Sekt.  Der Pilot, Klaus Wielath, taufte mich auf den  Namen: "Graf Peter, der fahrende Reporter im Weidenkorb über den Dächern von Gehofen." 

Zum Abschluss werden wir Neulinge am Taufbrunnen des Hotels Residenz in Bad Frankenhausen getauft und während eines üppigen Mahls in den Adelsstand der Ballonfahrer erhoben. Das hat historische Gründe, erklärt uns der Pilot während der feierlichen Zeremonie. Denn zu Zeiten der Brüder Montgolfiere unter dem französischen König Ludwig XVI. durften nur Adlige Ballon fahren. Diese Reglementierung wurde als Gag bis heute beibehalten.

So zündete dann unser Pilot bei jedem von uns eine Haarlocke an und löschte sie flugs mit Sekt. Bei mir handelte er schneller, um das ehe schon spärliche Haupthaar vor einem Flächenbrand zu bewahren. Dennoch gehöre ich fortan zu den Blaublütigen. Führe ich doch jetzt einen Adelstitel, wie alle anderen Teilnehmer dieser Fahrt auch.

 

© Peter Mischur Sangerhausen | E-Mail: pemis at web.de