Einst flügellahme Mühle dreht sich wieder im Wind

Mühlentour 4: Pölsfeld - Annarode - Klostermansfeld - Polleben

Tourlänge: 72 Kilometer

Don Quijote und sein treuer Knappe Sancho Panza hätten ihre helle Freude an der Radtour zu Mühlen in der Region. Hier könnten die Helden aus dem Roman von Miguel de Cervantes Saavedra ihre Waffen mit Windmühlenflügeln kreuzen. Doch wir satteln nicht das Romanpferd Rosinate sondern die Drahtesel für unsere heutige Radtour. Wir starten in Sangerhausen und durchfahren das Gonnatal bis Obersdorf. Hier biegen wir in Richtung Pölsfeld ab. Am Hasenwinkel erwartet uns die erste Windmühle dieser Tour. Es ist die einzige noch erhaltene Windmühle im Altkreis Sangerhausen. Dennoch ist sie ein Sorgenkind.

Die Inneneinrichtung ist noch komplett erhalten und sofort betriebsfähig aber äußerlich ist das Bauwerk in einem bedauernswerten Zustand. Das Rutenkreuz ist entzwei, damit ist die einst schmucke Mühle regelrecht flügellos. Doch seit Mitte 2012 tut sich was in Sachen Erhalt des Pölsfelder Wahrzeichens. Unentwegte haben gemeinsam mit dem Besitzer begonnen, das historische Bauwerk zu sanieren. Ein erster Bauabschnitt war die Erneuerung des Daches.

Pölsfeld liegt idyllisch zwischen sanften Hügeln mit ausgedehnten Wiesen und bunten Mischwäldern. Im Ort beginnt der etwa 200 Kilometer lange Karstwanderweg.

Windmühle Pölsfeld

Windmühle Foto: K. Büchel

Windmühle Foto: K. Büchel
Eine Besonderheit ist das zum Teil aus Stein gehauene Bockgerüst.

Die Tour ist gleichzeitig auch eine Fahrt durch die Bergbaugeschichte. Denn wir tangieren Sachzeugen des frühen Bergbaus und des Hüttenwesens. Noch heute zeugen zahlreiche Halden vom Pölsfelder Bergbau. Er war bis zur Einstellung 1885 eine der Säulen im Sangerhäuser Revier. Ebenfalls deuten die Klein- und Kleinsthalden im Gonnatal auf bergbauliche Aktivitäten hin. Und der Kupferhütte kam sogar eine Schlüsselrolle zu.

Fakten zur Bockwindmühle Pölsfeld - Autor: Klaus Büchel
Standort: Pölsfeld Flur 5, Hasenwinkel, ca 324 m NN
Zeittafel:

  • 1840 erbaut Müller Kurze dort eine Bockwindmühle
  • 1845 brennt dieselbe ab, das Grundstück wird verkauft
  • 1857 baut Philipp Meyer dort ein Wohnhaus und errichtet
  • 1858 die auf dem Bild ersichtliche Bockwindmühle.
  • Die Mühle bleibt über 4 Generationen im Familienbesitz und wird mit kleiner Landwirtschaft im Nebenerwerb betrieben.
  • Die Müller waren Philipp Meyer, Richard Meyer, Arthur Meyer, Rudolf Meyer.
  • 1987 zieht altershalber Rudolf Meyer mit seiner Frau vom Berg ins Dorf
  • 1989 Besitzerwechsel, das Mühlengrundstück wird von der Familie Klaus Spitzbart erworben.
  • Geschichte/Betrieb: ursprünglich nur Windenergienutzung, später Nachrüstung eines Dieselmotorantriebs für Betrieb bei Flaute.
  • 1973 Anschluss an das Netz der Energieversorgung Halle und Elektromotorantrieb bei Flaute.
  • Mehl und Schrotproduktion bis in die 50-er Jahre für private Kunden später nur noch Schrot.
  • Nach Bruch einer Rute Weiterbetrieb mit zwei Ruten.
  • Inneneinrichtung noch komplett und betriebsfähig.
  • Dachreparatur dringend erforderlich.
  • Einzige noch erhaltene Bockwindmühle im Altkreis Sangerhausen.
  • Müllerfachbezeichnungen: die Flügel sind das Rutenkreuz.
  • Müllergruß: Glück zu




Nach dem Abstecher zur Bockwindmühle in Pölsfeld touren wir weiter in Richtung Annarode. Bevor wir jedoch den straßenbegleitenden Radweg entlang der B86 erreichen, gilt es an einer langgezogenen Steigung kräftig in die Pedale zu treten.

Die Freude am Radfahren steht bei uns im Zentrum von Pedale und Speichen. Es ist eine regelrechte Genusstour - schon die wechselnden Landschaftsbilder in unserer Südharzer Region sind ein Segen. Die Tour ist Genuss pur - abwechslungseich und vielschichtig.

Die ehemalige Turmholländer-Windmühle hinter Annarode mutet an wie das Märchenschloss von Dornröschen. Der zylindrische Bau aus Bruchsteinmauerwerk versteckt sich regelrecht hinter einer dichten Vegetation. Heute steht hier nur noch der Stumpf der ehemaligen Mühle. Er wurde zum kuscheligen Wohnhaus umgebaut.

Windmühle Annarode



Der Frühling gibt noch mal alles - am Wochenende verwöhnt uns die Sonne mit bis zu 20° Celsius. Da kommt uns der erfrischende Fahrtwind gerade recht, als wir bergab nach Siebigerode rollen. Im Ort zweigen wir nach Klostermansfeld ab. Allerdings fehlt hier der Radweg. So benutzen wir die wenig befahrene Ortsverbindungsstraße.

Besonderer Hingucker ist in Klostermansfeld die Klosterkirche St. Marien mit ihrer dreischiffigen romanischen Basilika. Sie ist eine Station an der Straße der Romanik.

Romanische Klosterkirche in Klostermansfeld

Der gotische Schnitzaltar.

Romanische Klosterkirche.

Taufstein von 1582.

Im Raum Klostermansfeld fahren wir teilweise auf dem ausgeschilderten Harzvorland-Radweg sowie dem Radfernweg Saale-Harz.

Weitere Halden - historische Wahrzeichen des Bergbaus - prägen jetzt das Landschaftsbild. Dazu zählt die Riesenhalde des Zirkelschachts. Er wurde 1891 bis 1895 geteuft. Gefördert wurde hier bis 1927.

Zirkel-Schacht


Weithin sichtbar erhebt sich die Halde des Zirkel-Schachtes.

In der Ferne dominiert die 130 m hohe Spitzkegelhalde des ehemaligen Ernst-Thälmann-Schachts. Er war einer der drei Großschachtanlagen in der Mansfelder Mulde. Die Kupferschiefergewinnung wurde 1962 eingestellt. Dann geht es auf der Landstraße auf direktem Weg nach Polleben.

Ernst-Thälmann-Schacht


Die Spitzkegelhalde des ehemaligen Ernst-Thälmann-Schachtes reckt sich 130 m gen Himmel.

Weithin sichtbar erhebt sich die restaurierte Bockwindmühle in Polleben in den leicht bewölkten Himmel. Sie bietet ein romantisches Bild der Extraklasse. Doch das war nicht immer so. Im Laufe der Jahre verfiel die 1847/48 erbaute Anlage, sie wurde flügellahm. Erst der 1999 gegründete Verein zur Erhaltung der Mühle stoppte den weiteren Verfall. Die Müller in spe verpassten dem historischen Holzbauwerk von 2000 bis 2004 ein tiefgreifendes Make up. Seitdem kann die markante Mühle mit ihren windgängigen Jalousieflügelkreuz wieder in den Wind gedreht werden.

Bockwindmühle Polleben


Die Natur genießen, mal einkehren, das Leben mit allen Sinnen auskosten. Das Ambiente lädt zum Verweilen ein. Die rustikale Speisekarte überrascht mit manch typischer Leckerei. Wir entscheiden uns für Knätzchen - den regionalen Gaumenschmaus.

Neben den Mühlen ist der "Alte Turm", das Wahrzeichen von Polleben, besuchenswert. Er ist ein Teil, der aus den Jahren um 820 stammenden Stephanuskirche. Nur wenige Radumdrehungen entfernt befindet sich im Schlenzetal die ehemalige Obermühle. Sie wurde 1292 erstmals urkundlich erwähnt. Nach einem Brand wurde sie zum Wohnhaus umgebaut.

Ehemalige Obermühle im Schlenzetal



Bergab rollen wir weiter ins Schlenzetal. Hier klapperten einst 13 Wassermühlen am rauschenden Bach. Jetzt ist die Steinmühle, die urkundlich 1593 erstmalig erwähnt wird, die letzte betriebsfähige Wassermühle an dem Bach. Seit über 400 Jahren wird hier die Wasserkraft zum Antrieb der Mühle genutzt. Noch heute finden zum Mühlentag Schauvorführungen statt. Dann ist der Besitzer, Mathias Ackermann, voll in seinem Element. Er ist Müller in der fünften Generation.  

Steinmühle Schlenzetal










Das oberschlächtige Wasserrad der Steinmühle hat einen Durchmesser von fünf Meter. Die mühlentechnische Einrichtung ist komplett erhalten und funktionsfähig. Dazu gehören u.a. zwei Schrotgänge, ein Mahlgang, ein 300er Walzenstuhl sowie der Wurfsichter Askania.

Die Routenführung wurde zum großen Teil über ausgeschilderte Radwege gewählt. Sie ist jedoch durch unterschiedliche Wegbeschaffenheiten gekennzeichnet. Während der erste Teil durch geschotterte und bergige Abschnitte mit relativ langen, starken Steigungen führt, ändert sich das Streckenprofil ab der Kohlenstraße. Jetzt wird es fast eben. Nur sachte Abfahrten und geringfügige Steigungen gilt es zu bezwingen.

Geologischer Aufschluss im Schlenzetal

Wie ein geöffnetes Fachbuch präsentiert sich der geologische Aufschluss im Schlenzetal.

Die Tour ist ein echter Geheimtipp und nur wenig von Radlern frequentiert. Zurück nach Sangerhausen kann die Strecke unterschiedlich gewählt werden. Wir fahren die gleiche Strecke zurück. Wem jetzt das Wadenschmalz fehlt, kann alternativ bis Klostermansfeld radeln und von hier mit dem Zug in die Rosenstadt fahren. Den Zug nach Sangerhausen könnte man auch vom Bahnhof in Eisleben benutzen.

Tipp: Speziell am Pfingstmontag  bietet der Deutsche Mühlentag die Chance, sich solch Wunderwerk der Technik genauer anzuschauen. Bei Führungen werden Geschichten über das Leben der Müller erzählt, es gibt Schauvorführungen, kleine Ausstellungen und Musik. In einigen Mühlen können die Besucher auch Produkte aus der hauseigenen Produktion erwerben. Ebenfalls werden an allen Mühlen neben den Besichtigungen auch kulturelle Rahmenprogramme angeboten. Vielerorts bereichern landwirtschaftliche Geräte und bäuerliche Einrichtungsstücke die Präsentation der Mühle.

 

 

© Peter Mischur - Rosenstadt Sangerhausen - Nach oben