Klappernde Sachzeugen als Fingerabdrücke der Geschichte
Mühlentour 2: Martinsrieth - Oberröblingen - Allstedt - Lodersleben
Tourlänge: 69 Kilometer
Unsere nähere Heimat ist reich an Zeugen der Mühlengeschichte. Unmittelbar vor der eigenen Haustür finden wir die Schönheiten der Region. In den funktionstüchtigen Betrieben ist eine technische Zeitreise in die Vergangenheit stets ein Erlebnis besonderer Art. Hier bewahren die Müller mit stolz die Fingerabdrücke der Geschichte - die klappernden Zeugnisse unserer Kultur auf. Wir wollen sie hautnah erleben. Dazu schwingen wir uns in Sangerhausen in die Sättel und fahren ein gutes Stück auf dem Radweg an der ehemaligen B 80 in Richtung Wallhausen. Nach knapp 5 Kilometern biegen wir links auf einem teilweise betonierten Feldweg ab. Kurz hinter der Autobahnbrücke benutzen wir den neuen straßenbegleitenden Radweg und steuern darauf direkt die Gemeinde Martinsrieth an. Hier erwartet uns nach etwa 7 Kilometern die erste Mühle unserer Tour.
Wassermühle in Martinsrieth
Geöffnet: Kunden führt der Müller gern durch sein Reich; Werner Büttner 034656 / 30064
Eines der kulturellen Kleinode in Martinsrieth ist die historische Wassermühle von 1715, die vielen Müllergenerationen das tägliche Brot erwirtschaftete. Seit 1950 ist sie in Familienbesitz. Mehl wird hier schon lange nicht mehr gemahlen, es wurde auf Futtermittel umgestellt. Und so fährt der über 70-jährige Werner Büttner mit seinem blauen S4000 zu den Kunden im Umkreis und versorgt sie mit Taubenfutter, Quetschhafer, Hühnerfutter und Getreideschrot.
Von Martinsrieth touren wir auf einem asphaltierten landwirtschaftlichen Weg nach Oberröblingen. Als wir vor der Rittergutsmühle in der Mühlenstraße von Oberröblingen aus dem Sattel steigen, zeigt der Tacho gut 13 km an. Erster Blickfang ist hier das rumpelnde Wasserrad. Doch dieser technische Leckerbissen wird von der funktionstüchtigen Mahltechnik im Inneren noch überboten.
Rittergutsmühle in Oberröblingen
Geöffnet: Zum Mühlentag, Tag des Denkmals, auf Anfrage; Werner und Erika Kober 03464 / 517724
In Oberröblingen treibt das Wasser des Mühlgrabens das unterschlächtige Wasserrad der Rittergutsmühle an. Das 1995 neu gebaute Mühlrad ist ein gewaltiger Koloss. Er wiegt 4,5 Tonnen und bringt es auf einen Durchmesser von 5,20 Meter. Allein für die Wasserradwelle wurde ein Eichenstamm von über 90 cm Durchmesser verarbeitet. Die Mühle selbst besteht seit 1713. Die technische Einrichtung ist vollständig und funktionstüchtig erhalten. Zu verdanken ist es Werner und Erika Kober, die seit 1993 Eigentümer des Objektes sind. Das Ehepaar kniet sich voll in die Arbeit, um die traditionsreiche Mühle als kulturhistorisches Kleinod und Zeuge der Vergangenheit für die Nachwelt zu erhalten.
Den Beruf des Müllers hat Werner Kober nicht gelernt, dennoch erfüllt der Mühlenfan die historische Anlage gemeinsam mit seiner Frau mit Leben. In unzähligen Stunden krempelten sie gemeinsam die Ärmel hoch und entrümpelten das Objekt. Schritt für Schritt richteten sie es für die Besichtigung her - bringen die Mahltechnik in Schwung. Liebevoll und mit sehr viel Fleiß und technischem Sachverstand erhielten die technischen Einrichtungen ein tief greifendes Make up. Dadurch erweckt das Müllerehepaar das Interesse und die Aufmerksamkeit von Geschichtsliebhabern und Freunden historischer Technik. Sogar ganze Schulklassen begeistert der Mühlenenthusiast durch seine sachkundigen Erklärungen.
Es ist einfach faszinierend welche Anziehungskraft die zum Teil jahrhundertealten Zahn- und Stockräder ausüben, wenn sie mit ihren Zähnen aus dem Holz der Weißbuche fast geräuschlos ineinander greifen, über Transmissionswellen die Aggregate angetrieben werden, das Korn im Elevator gefördert wird. Werner Kober erklärt während eines Rundgangs anschaulich die jahrhundertealte Technik. Auf vier Arbeitsetagen stehen heute noch die Maschinen aus den letzten zwei Jahrhunderten - alle sind nach einer umfangreichen Verjüngungskur wieder voll funktionstüchtig. Aus dem einstigen Sorgenkind wurde ein besuchenswertes Wahrzeichen von Oberröblingen.
Der Besuch ist ein technischer Leckerbissen der Superklasse. Hier kann der Interessierte hautnah alle Stationen der Mehlwerdung erleben. Die fachkundigen Erklärungen sowie die Führung durch alle Bereiche der Mühle geben einen Einblick in das Leben und Arbeiten vergangener Tage. Den krönenden Abschluss bildet der Besuch einer Dauerausstellung mit handwerklichem und bäuerlichem Volksgut, die Familie Kober in den Nebenräumen der Mühle übersichtlich präsentiert.
Nach einem längeren Fotostopp geht es auf dem Radweg weiter zur Stadt-Mühle in Allstedt. Zwischendurch erweisen wir dem Musikantenbrunnen in Katharienenrieth unsere Referenz. Aufgestellt wurde er aus Anlass des 40-jährigen Bestehens der Blaskapelle des Ortes. Später naschen wir im rustikalen Bauernhofcafé im Ort vom haus gebackenen Kuchen. Gut gestärkt pedalen wir auf einem Radweg quer durch die Feldflur nach Allstedt.
Mit der alten Mühlentechnik konnten die verschiedensten Dinge verarbeitet werden. Es gab Getreide- und Sägemühlen, Senf- und Gewürzmühlen, Papier- und Pulvermühlen oder auch Walkmühlen, mit denen Leder geschmeidig gemacht wurde.
| Impressionen in der Stadt-Mühle Allstedt |
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Das Wasserrad hat
3 m Durchmesser und ist
1,80 m breit. |
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Stadt-Mühle Allstedt
Geöffnet: Täglich von 10 bis 16 Uhr; zum Mühlentag und Tag des Denkmals; Bruns 034652 / 12399
Weitere Zeugen des klappernden Handwerks finden wir an unserer nächsten Station, der Stadtmühle in Allstedt. Die 1716 gebaute Mühle wird jetzt wieder durch ein oberschlächtiges Wasserrad angetrieben. Anfang der 1970er Jahre wurde der Mühlengraben zugeschüttet und der Mühlenantrieb auf Elektrizität umgestellt. Jahrelang rumpelte das Mühlrad nicht mehr. Bis sich im September 1995 der Mühlenverein gründete, der es wieder in Gang brachte. Im Inneren des geschichtsträchtigen Denkmals überrascht die erhaltene und fachgerecht rekonstruierte Technik. Viel Geld und noch mehr Schweiß flossen in den letzten Jahren in den Ausbau der Mühle. Heute hat sie durch die Müller in Spe einen technischen Stand erreicht, der sogar Schaumahlen erlaubt.
Die Anlage wurde seit dem Jahr 1996 komplett restauriert. Die Mühlentechnik wurde instand gesetzt und ergänzt. Dazu gehören der Mahlgang, Walzenstuhl, Ausmahlmaschine (Fabrikat: Fanal), Zentrifugalsichter, Reinigung sowie die Mischmaschine. Besonderes Highligth - Netzeinspeisung von Elektroenergie, erzeugt aus Wasserkraft.
| Mittelalterliches Kleinod - Burg & Schloss Allstedt |
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Weithin sichtbar erheben sich Burg und Schloss Allstedt über den Ort. |
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Bis hierher haben wir Zweiradfans etwa 25 km in den Beinen. Wem es reicht, der nimmt auf dem asphaltierten Radweg die 10-km-Etappe gen Sangerhausen unter die Pneus. Wer dagegen seinen Wissensdurst in einer Turmwindmühle stillen möchte, der visiert Lodersleben an. Bei dem eingeschlagenen Kurs schiebt sich das mittelalterliche Kleinod "Burg und Schloss" Allstedt ins Bild.
Allmählich ändert sich das Streckenprofil. War es bisher eben, liegen jetzt Steigungen vor uns - wir treten kraftvoller in die Pedale. Von der Thomas-Müntzer-Stadt Allstedt verläuft die Etappe bis nach Lodersleben auf der "Straße der Romanik". Alternativ bietet sich ein naturbelassener Weg durch den Wald an. Die Etappenlänge von der Stadt-Mühle Allstedt bis zur Turmwindmühle in Lodersleben beträgt etwa 13 km. In Sachsen-Anhalt drehen sich nur noch 61 Windmühlen.
Turmwindmühle in Lodersleben
Geöffnet: Seit 2006 nicht mehr für die breite Öffentlichkeit zugänglich; Trautmann 034771 / 22024
Bereits seit 1859 prägt die Turmwindmühle das Landschaftsbild in der Gemarkung Lodersleben. Vor einigen Jahren wurde die Windmühle flügellahm, das Flügelkreuz musste demontiert werden. In den 1990er Jahren konnte die doppelte Windrose restauriert werden, das Dach ist erneuert und vor zwei Jahren erfolgte eine gründliche Restaurierung der Außenhaut. Die Mühlentechnik wie vier Walzenstühle, 4-tlg. Plansichter, Reinigung, Schrotgang stammen aus den 1930er Jahren. Der 75-jährige Müllermeister Fritz Trautmann übergab 2006 die Geschicke an seinen Sohn Holger Trautmann. Der betreibt die Mühle weiterhin zur Futtermittelherstellung.
| Bergbaurelikte bei Nienstedt |
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Das Fördergerüst und die Halde des ehemaligen Bernhard-Koenen-Schachtes II.
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Die Rückfahrt nach Sangerhausen wählen wir durch wogende Getreidefelder, ausgedehnte Wiesentäler und bewaldete Bergflanken. Wir fahren durch Gatterstädt, Winkel, Wolferstedt und Nienstedt. Hier künden eine große Halde sowie das Fördergerüst vom einstigen Kupferbergbau. Einzingen und Niederröblingen folgen. Ab hier benutzen wir den Radweg über Oberröblingen zurück zum Ausgangspunkt. In Sangerhausen endet diese erlebnisreiche und überaus informative Radtour.
Tipp: Speziell am Pfingstmontag bietet der Deutsche Mühlentag die Chance, sich solch Wunderwerk der Technik genauer anzuschauen. Bei Führungen werden Geschichten über das Leben der Müller erzählt, es gibt Schauvorführungen, kleine Ausstellungen und Musik. In einigen Mühlen können die Besucher auch Produkte aus der hauseigenen Produktion erwerben. Ebenfalls werden an allen Mühlen neben den Besichtigungen auch kulturelle Rahmenprogramme angeboten. Vielerorts bereichern landwirtschaftliche Geräte und bäuerliche Einrichtungsstücke die Präsentation der Mühle.
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